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26.02.2021 - ob das was wird im Ebertbad?
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05.12.2020 / cso Mobilansicht
Lost Grounds:
Folge 5: Stadion Mathias Stinnes (TSG Karnap 07)
Eine Stadt, zwei Welten. Größer als beim Stadion Mathias Stinnes könnte der Kontrast zu Folge 2 unserer Lockdown-Serie gar nicht ausfallen. Schon die Anreise in Essens nördlichsten Stadtteil Karnap ist ein Kulturschock für jemanden von der Ruhrhalbinsel mit ihren grünen Hügeln, wo die Fördertürme als Kohlenpottkulissen (Klaus Lage) Bestandsschutz in einem ansonsten auf Freizeitqualität abgestimmten Ambiente dienen: Wenn die U-Bahn die Brücke über den Rhein-Herne-Kanal erklommen hat, geben die Fenster den Blick frei auf einen Ort vor Arbeit ganz grau, wo auch heute noch die Sonne verstaubt (Herbert Grönemeyer). Uhltra jr war so angetan von dem Panorama, dass er von seiner Zielhaltestelle glatt ein paar hundert Meter zurücklief, um die Aussicht ganz in sich aufzunehmen. Verlassen liegt der Kanal dort an der Nordgrenze Altenessens und fragt sich vielleicht, wer beschlossen hat, dass Karnap nicht wie alles Jenseitige sonst Bottrop oder Gelsenkirchen zugeschlagen wurde. Ein paar Meter weiter fließt Richtung Niederrhein die braune Brühe der Emscher zwischen hohen Deichen, die zusammen mit ewig arbeitenden Pumpen verhindern, dass Karnap, Bottrop und Gladbeck in einer Mischung aus Fäkalien und Grubenwasser absaufen. Am Horizont stößt das riesige, bis zu 48 Megawatt leistende Müllheizkraftwerk seine Dunstwolke aus, die sich an diesem trüben Novembertag jedoch kaum vom Hochnebel abhebt.

Der 190 Meter hohe Schornstein weist dem Blog fortan den Weg zu seinem Ziel, der Perle unter allen Lost Grounds in Essen. 95 Jahre zurück reicht die Historie des Platzes; richtig los ging es mit dem Stadion Mathias Stinnes allerdings erst 1950. Die prosperierende Zeche gleichen Namens, genauer gesagt dessen Gewerkschaft, erwarb das Gelände damals von der Stadt, um einen Multi-Freizeitkomplex zu errichten. Das Kernstück bildete das Leichtathletik- und Fußballstadion mit seinen 30.000 Plätzen. Nutzer war neben den Bergleuten die TSG Karnap 07, die das Stadion am 30. April 1950 mit einem Spiel gegen Otto Rehhagels Heimatverein TuS Helene Essen auch feierlich eröffnen durfte. Karnap 07 brachte es im Amateurbereich damals zu höheren Weihen: Einige Jahre kickte der Club drittklassig, lockte in der Landes- bzw. Verbandsliga bis zu 8.000 Zuschauer an.

Auf noch mehr Interesse stieß 1956 das erste, allerdings inoffizielle Länderspiel einer deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Das 2:1 gegen die Niederlande verfolgten laut historischer Lokalpresse mehr als 18.000 Fußballfreunde, für die sogar Sonderbusse eingesetzt wurden. Eine Portion Sensationslust war auf den Rängen gewiss auch vorhanden, denn immerhin hatte der DFB Frauenfußball streng untersagt - der Schiedsrichter verzichtete wohlweislich auf offizielle Verbandsinsignien und leitete die Partie stattdessen mit dem Essener Stadtwappen auf der Brust. Lokalmatadorin Lotti Beckmann (Gruga Essen, †1995) schoss Deutschland als Mittelstürmerin in Führung, bevor die Halblinke Nieberich (Fortuna Dortmund) noch vor der Pause auf 2:0 erhöhte. Anschließend geriet die größtenteils aus Ruhrfrauen rekrutierte Nationalauswahl unter gehörigen Druck der Niederländerinnen, um den umjubelten Debut-Sieg schlussendlich doch über die Zeit zu bringen.

Ende der 1960er Jahre ging es abwärts mit Stadtteil und Verein. Teile der Zeche sowie die Kokereien wurden stillgelegt, der Rest ging 1968 in der neuen Ruhrkohle AG auf. Ein Jahr später stieg Karnap 07 in die Bezirksliga ab und versank auf immer in der Bedeutungslosigkeit. 1972 wurde der Bergbau endgültig eingestellt, der Club zog an die Lohwiese um. Dort, auf einer Allerweltsanlage am Rande des Emscherparks, ist heute auch der Nachfolgerverein FC Karnap 07/27 heimisch.

Ohne festen Nutzer führte das Stadion Mathias Stinnes ein trauriges Dasein am äußersten Rande der Stadt. Zeitweise gastierten ab 1995 Teams von Rot-Weiss Essen, so auch die Reservemannschaft, im altehrwürdigen Rund an der Arenbergstraße. Der marokkanische Fußballclub Bader SV wurde für eine Weile hierher abgeschoben; ein Freizeitligateam kam ebenfalls auf das Gelände, wobei nun meist der Hartplatz hinter dem Naturrasen genutzt wurde. Parallel wurde nach und nach immer mehr vom alten Glanz abgerissen, bis das Stadion 2012 seinen finalen Vorhang erlebte.

Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 wurde die gesamte ehemalige Spielfläche mit Asphalt und Beton versiegelt, um darauf ein Übergangsheim errichten zu können. Ein Jahr später waren die Migranten auf richtige Wohnungen verteilt, und die Stadt gab das ihr zur Verfügung gestellte Gelände wieder an die RWE AG zurück. Diese überlässt das Stadion Mathias Stinnes seitdem einer schleichenden Renaturierung, was im Herbst einen besonders schönen morbiden Charme versprüht. Unter Laub und Primärpflanzenbewuchs erkennt man noch den Stadionwall mit seinen imposanten Aufgängen, das Rudiment der Westtribüne und einen der vormals charakteristischen Mauerbögen. Das Willkommensschild am Haupteingang zeugt Vorbeifahrenden gegenüber von alter Größe, und auch die Ruhrbahn ehrt den Ground noch mit einer Bushaltestelle.

Der Autor dankt seinem Freund Georg Schrepper für dessen ergänzende Informationen und Archivfotos zum Frauenländerspiel im Stinnes-Stadion.


       
       
       
 
Fotos: cso (1-11), Archiv (12+13)
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